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  • #301
Ich mußte denken unverwandt,
wie ich einst zwischen schwarzen Pinien
den tiefen Frühling sinnen fand,
als ich vor deiner Schönheit stand,
und durch der Scheitel dunkle Linien
dein Antlitz träumte wie ein Land.

Es schlich von deiner Lippen Saum
ein Lächeln auf verlornem Pfade -
ganz leis. Die andern merktens kaum.
So weht ein Blatt vom Blütenbaum:
nur Einer schaut die Frühlingsgnade,
und der sie schaut, ist wie im Traum.

R.M. Rilke
 
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Flip- Flop

  • #302
Genieße still zufrieden
den sonnig heitren Tag.
Du weißt nicht, ob hienieden
ein gleicher kommen mag.

Es gibt so trübe Zeiten,
da wird das Herz uns schwer,
dann wogt von allen Seiten
um uns ein Nebelmeer.

Da wüchse tief im Innern
die Finsternis mit Macht,
ging nicht ein süß Erinnern
als Mondlicht durch die Nacht.

Autor: Julius Sturm
 
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  • #303
Sind hier auch Haiku willkommen?
 
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  • #305
Augen in der Dunkelheit
Schnee fällt
kalter Atemzug
 
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  • #306
Sehr, sehr schön. Kennst Du das Buch:
Siebzehn Silben Ewigkeit
 
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  • #307
Nein, bis eben kannte ich das Buch nicht.

Ich habe mich mit "deutschen" Haiku auch erst seit kurzem beschäftigt, also bloß das I-Net durchstöbert. Ich finde sie viel emotionaler - direkt auf den Punkt - als die westliche Dichtkunst.
 
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  • #308
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse, Stufen
 
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fleurdelis

  • #309
@ Heisenberg: Sprüche und Gedichte liest man oft, manche kurzweilig und manche langweilig, doch gehen sie vorüber. Dieses Mal hat Hermann Hesse einen tiefen Eindruck hinterlassen. ..... Sehr schöne Zeilen!
 
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Flip- Flop

  • #311
Der Abgerissen Strick

Der abgerissene Strick
kann wieder geknotet werden
er hält wieder, aber
er ist zerrissen.

Vielleicht begegnen
wir uns wieder,
aber da,
wo du mich verlassen hast
triffst du mich
nicht wieder.

Bertolt Brecht
 
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  • #312
Flipflop? Die Gedichte, die Du auswählst und hier hereinsetzt, berühren mich alle sehr. Hast Du da so einen «Hausschatz», in dem Du fündig wirst? Oder stöberst Du im Netz? Oder haben sie Dich in der Schule damit geplagt? -- Ist ja egal, ich finde alle sehr schön. Weiter so! Wenn Du noch ein paar weißt, natürlich nur.
 
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Gast

  • #314
Vielleicht hatte Brecht ja Kafka gelesen:

"Wenn man einander schreibt,
ist man wie durch ein Seil verbunden."


Würde doch gut zu PS passen.
 
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Flip- Flop

  • #315
@Pit: Kein Hausschatz und ja, teilweise finde ich sie im Netz. Auch gut möglich das sie mich finden.
Aus meiner Schulzeit sind mir zwei in lebhafter Erinnerung geblieben. - „Erlkönig“ von Goethe - und zum Ende meine Schulzeit „Hiroshima“ - von Marie Luise Kaschnitz. -
Vom Erlkönig war ich so ergriffen, dass es mich zu Tränen gerührt hat.
Dieses gefühlte Ereignis, mein Einstieg in eine Welt der Dichter, die mir bis dahin verschlossen geblieben war. Ich war so hin und weg, wie es möglich war, mit wenigen Worten so gewaltig den Ablauf einer länger andauernden Szene zu erfassen und mich in diesem düsteren, kalten und furchtsamen Ritt mitgenommen hat.

Zitat Mohnblume:
Dieser Aussage schließe ich mich gerne an ! Das letzte hat mich umgehauen. Es spricht mir tief aus der Seele .
Ging mir nicht anders. Meine Seele hat jede meiner Veränderungen deutlich gespürt. Jeder gerissene und wieder geknotete Strick hat ein Stück von mir fortgenommen. Das vermisse ich an mir sehr, Unbefangenheit, Unbeschwertheit und das grenzenlose Urvertrauen.

Danke :)
 
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Gast

  • #317
Ich bin eine Nixe, sagt sie,
ich kann nicht ertrinken.
Aber immer, wenn ich Goldfische seh,
wird mir ganz furchtbar schlecht.
Und vielleicht bricht morgen der Frieden aus,
dann gehn wir ganz groß einen saufen.
Und vielleicht bricht er nicht aus,
aber das erfahrn wir dann schon.


Martin Auer
Ausschnitt aus "Ich bin eine Nixe sagt sie"
 
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  • #318
Es ist ein Flüstern

Es ist ein Flüstern in der Nacht,
Es hat mich ganz um den Schlaf gebracht;
Ich fühl's, es will sich was verkünden
Und kann den Weg nicht zu mir finden.
Sind's Liebesworte, vertrauet dem Wind,
Die unterwegs verwehet sind?
Oder ist's Unheil aus künftigen Tagen,
Das emsig drängt sich anzusage?

Theoder Storm
 
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  • #319
Einsame Gedanken

Einsame Gedanken, sie tauchen zuweilen -
Urplötzlich aus ihren Verstecken und eilen
Auf luftigen Flügeln davon; indessen
Hast du die flüchtigen wieder vergessen,
Und legst wieder täglich im alten Gleise
Ein Stück zurück deiner Lebensreise.
Und dann urplötzlich nach Jahren – da schwanken
Vor dir die einsamen, stummen Gedanken.
Du weißt, schon einmal in früheren Tagen
Hast du dich mit ihnen herumgeschlagen.
Und seltsam beengend wird dir zu Sinnen:
Du möchtest von Neuem wieder beginnen,
Um auf ganz anderen, fremden Wegen
Dein Leben zurück noch einmal zu legen.
Es ist dir versagt. Da packt dich ein Bangen.
Du weißt mit dir selbst Nichts anzufangen,
Und währenddessen fühlst du die Gedanken
Sich fester um deine Seele ranken.

Und erst nach Tagen, die langsam gehen,
Siehst du sie weichen, und spurlos zerwehen...

John Henry Mackay
 
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  • #320
Er nennt's Vernunft und braucht's allein,
Nur tierischer als jedes Tier zu sein.
Er scheint mir, mit Verlaub von euer Gnaden,
Wie eine der langbeinigen Zikaden,
Die immer fliegt und fliegend springt
Und gleich im Gras ihr altes Liedchen singt;
Und läg er nur noch immer in dem Grase!
In jeden Quark begräbt er seine Nase.

Goethe Faust I Zueignung (Auszug)
 
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  • #321
Mein Herz ich will dich fragen:
Was ist denn Liebe, sag?
"Zwei Seelen und ein Gedanke,
zwei Herzen und ein Schlag!"

Und sprich, woher kommt Liebe?
"Sie kommt und sie ist da!"
Und sprich, wie schwindet Liebe?
"Die war's nicht, der's geschah!

Und was ist reine Liebe?
"Die ihrer selbst vergißt!"
Und wann ist Lieb am tiefsten?
"Wenn sie am stillsten ist!"

Und wann ist Lieb am reichsten?
"Das ist sie, wenn sie gibt!"
Und sprich, wie redet Liebe?
"Sie redet nicht, sie liebt!"

Friedrich Halm
 
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  • #322
Beziehung

Bleib so
wie du bist
sagte er am Anfang

als er sagte
du musst dich ändern
war es schon zu spät

Inge Krupp
 
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ratte

  • #323
Soviel verlor ich und wußte es doch nicht.
Manchmal sehe ich dann
sein Gesicht
vor mir in der Dunkelheit
und es überfällt
mich diese Sehnsucht...
Meine Welt
hätte noch so viel Platz für meinen
Vater.

(unbekannt)
 
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  • #324
"Nie erfahren wir unser Leben stärker als in großer Liebe und tiefer Trauer."

Rainer Maria Rilke
 
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  • #326
ratte !!! ratte ??? ich weiß nichts mehr zu sagen
 
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  • #329
@ratte
Dieser Youtube-link war nicht der einer Ratte, sondern der eines Engels
 
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  • #330
Malzahn geht immer.


Ich habe auf Dich gewartet.


In großer Freude


daran gedacht,


Dir jeden Augenblick


gegenüberstehen zu können.


Deine Stimme wiederzuhören,


Deine Hand in meiner.


Du bist nicht gekommen.
 
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