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  • #391
Erst der Rand füllt das NICHTS mit Inhalt

Johann Wolfgang von Griebenschmalz
oder war es Jeremias Gotthelf
nee, Hildegard von Bingerloch
 
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  • #392
Kühler Frieden

Fetzen aus Dunst und Nebel
wabern über das abendliche Moor.
Jeder Schritt kann tödlich enden,
Gleich kalten Händen umgreift es
meine Beine
es will mich holen
meine Rufe verhallen im Nichts
Es zieht mich tiefer
meine Kraft erlahmt
es will mich
und jetzt will ich es auch
will nur noch eins mit ihm werden
weit weg von allen Menschen
endlich Ruhe
endlich Frieden.

Johann Wolfgang von Griebenschmalz
 
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  • #393
Bräutigam Froschkönig

Wie häßlich ist
Dein Bräutigam
Jungfrau Leben

Eine Rüsselmaske sein Antlitz
Eine Patronentasche sein Gürtel
Ein Flammenwerfer
Seine Hand

Dein Bräutigam Froschkönig
Fährt mit Dir
(Ein Rad fleigt hierhin, eins dorthin)
Über die Häuser der Toten

Zwischen zwei
Weltuntergängen
Preßt er sich
In Deinen Schoß

Im Dunkeln nur
Ertastest Du
Sein feuchtes Haar

Im Morgengrauen
Nur im
Morgengrauen
Nur im

Erblickst Du seine
Traurigen
Schönen
Augen.

Marie Luise Kaschnitz
 
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Sandbank

  • #394
Winter
Wenn die Blätter von den Bäumen stürzen,
die Tage täglich sich verkürzen,
wenn Amsel, Drossel, Fink und Meisen
die Koffer packen und verreisen,
wenn all die Maden, Motten, Mücken,
die wir versäumten zu zerdrücken,
von selber sterben - so glaubt mir:
es steht der Winter vor der Tür!

Ich lass ihn stehen! Ich spiel ihm einen Possen!
Ich hab die Tür verriegelt und gut abgeschlossen!
Er kann nicht 'rein! Ich hab ihn angeschmiert!
Nun steht der Winter vor der Tür - und friert!
H. Erhardt
 
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  • #395
Vor Gott den Herrn trat Jumpfer Krusimusi,
erlöst von ihrem irdischen Jammertal;
sie barg im Arm ihr weiland Katzebusi,
warm eingewickelt in den schottischen Schal.

Und Gott der Herr frug sie mit strenger Miene:
«Was hast mit deinem Leben du gemacht?»
Sie sprach, erbebend in der Krinoline:
«Ich habe abgestaubt bei Tag und Nacht;
auf dass die alte Stube werd gemütlich,
die Du zu Lehn mir gabst auf Lebenszeit .»

Gerührt sprach Gott: «Nun komm und tu dir gütlich
und ruh dich aus in alle Ewigkeit.»

Nebelspalter, 1929
 
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  • #396
kein munt ez nimmer gar volzelt
waz minne wunders fuegen kan
ez si wib oder man
die krenket herzeminne
vil dicke an hohem sinne.


Wolfram von Eschenbach
Parzifal Buch 7 365/6-10
geschrieben ca.1210 in Mittelhochdeutsch

in Neuhochdeutsch etwa:

Niemand kann komplett erzählen,
zu welchen Wundern Liebe führt
ob es ein Mann ist, eine Frau
die wahre Herzensliebe schwächt
Vertand, Vernunft in hohem Grade
 
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Sandbank

  • #398
;):)
 
S

Sandbank

  • #399
Lass den Zorn, die stürmische Erregung.
Alles Ungestüm hat keine Dauer:
Keine Stunde währt ein Hagelschauer,
keinen Tag des Wirbelwinds Bewegung.
Rasch verglüht des Blitzes Feuerklinge -
Und dies sind des Himmels große Mächte.
Stille ziemt dem kleinen Geschlechte.
Und selber ordnen sich die Dinge.
Laotse, chinesischer Philosoph, 4. - 3. Jahrhundert v. Chr.
 
H

Hafensänger

  • #400
Die Einladung

Es interessiert mich nicht, wovon Du Deinen Lebensunterhalt bestreitest, ich möchte wissen, wonach Du Dich sehnst und ob Du es wagst, davon zu träumen, Deine Herzenswünsche zu erfüllen. Es interessiert mich nicht, wie alt Du bist.
Ich möchte wissen, ob Du es riskieren wirst, verrückt vor Liebe zu sein, vernarrt in Deine Träume, in das Abenteuer, lebendig zu sein.
Es interessiert mich nicht, welche Planeten in welcher Konstellation zu Deinem Mond stehen.
Ich möchte wissen, ob Du die Mitte Deines Leids berührt hast, ob Du durch Verrat, den Du im Leben erfahren hast, aufgebrochen und offen geworden oder geschrumpft bist und Dich verschlossen hast vor Angst und weiterem Schmerz.
Ich möchte wissen, ob Du dasitzen kannst mit Schmerz? meinem oder Deinem eigenen ? ohne irgendeine Bewegung der Ausflucht, ohne den Schmerz zu verbergen, ohne ihn verschwinden zu lassen, ohne ihn festzuhalten.
Ich möchte wissen, ob Du mit Freude dasein kannst? meiner oder Deiner eigenen ? ob Du mit Wildheit tanzen und zulassen kannst, daß Ekstase Dich erfüllt bis in die Fingerspitzen und Zehen hinein, ohne jene Vorsicht, in der du dich in acht nimmst, realistisch bist und dich an die Begrenzung des Menschendaseins erinnerst.
Es interessiert mich nicht, ob die Geschichte, die Du mir erzählst, wahr ist. Ich möchte wissen, ob Du jemanden enttäuschen kannst, um zu Dir selbst ehrlich zu sein, ob Du es erträgst, daß Dir deshalb jemand Vorwürfe macht und Du trotzdem Deine eigene Seele nicht verrätst.
Ich möchte wissen, ob Du treu sein kannst und zuverlässig.
Ich möchte wissen, ob Du Schönheit sehen kannst, auch dann, wenn es nicht jeden Tag schön ist und ob Du in Deinem Leben einen göttlichen Funken spürst.
Ich möchte wissen, ob Du mit Mißerfolg leben kannst? mit Deinem und meinem? und immer noch am Ufer eines Sees stehen und ?Ja? zum Vollmond rufen kannst.
Es interessiert mich nicht, wo Du lebst oder wieviel Geld Du hast. Ich möchte wissen, ob Du nach einer kummervollen Nacht voller Verzweiflung aufstehen kannst? ausgelaugt und mit Schmerzen ? und trotzdem tust, was getan werden muß für Deine Kinder oder andere Menschen.
Es interessiert mich nicht, welche Schulausbildung Du hast oder wo und bei wem Du studiert hast. Ich möchte wissen, ob Du mit mir in der Mitte des Feuers stehen und nicht zurückschrecken wirst.
Ich möchte wissen, was Dich von innen aufrecht erhält, wenn alles andere wegfällt.
Ich möchte wissen, ob Du mit Dir selbst alleine sein kannst und ob Du wirklich die Leute magst, mit denen Du Dich in Zeiten der Leere umgibst.

Oriah Mountain Dreamer (im Mai 1994, http://www.oriahmountaindreamer.com) Aus dem Amerikanischen übersetzt von Jena Ilka Frey


Wenn mir das jemand schriebe, ich wäre völlig hin und weg.
 
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  • #401
Ein Jüngling liebt ein Mädchen,
Die hat einen Andern erwählt;
Der Andre liebt eine Andre,
Und hat sich mit dieser vermählt.

Das Mädchen heiratet aus Ärger
Den ersten besten Mann,
Der ihr in den Weg gelaufen;
Der Jüngling ist übel dran.

Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.

Heinrich Heine
 
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  • #402
Liebesgedicht

Ich fühle, ich werde

von wohlig warmen,

weichen Tintenfischarmen

sanft umschlungen,

hinab gezogen

in Sphären

die nur wir beide kennen,

um dann von dir in einem Stück

verschlungen zu werden,

und ich will es,

will es,

will es.
 
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  • #403
Loriot

ADVENT

Es blaut die Nacht, die Sternlein blinken,
Schneeflöcklein leis herniedersinken.

Auf Edeltännleins grünem Wipfel
häuft sich ein kleiner weißer Zipfel.

Und dort vom Fenster her durchbricht
den dunklen Tann ein warmes Licht.

Im Forsthaus kniet bei Kerzenschimmer
die Försterin im Herrenzimmer.

In dieser wunderschönen Nacht
hat sie den Förster umgebracht.

Er war ihr bei des Heimes Pflege
seit langer Zeit schon im Wege.

So kam sie mit sich überein:
am Niklasabend muss es sein.

Und als das Rehlein ging zur Ruh‘,
das Häslein tat die Augen zu,
erlegte sie direkt von vorn
den Gatten über Kimme und Korn.

Vom Knall geweckt rümpft nur der Hase
zwei-, drei-, viermal die Schnuppernase
und ruhet weiter süß im Dunkeln,
derweil die Sternlein traulich funkeln.

Und in der guten Stube drinnen
da läuft des Försters Blut von hinnen.

Nun muss die Försterin sich eilen,
den Gatten sauber zu zerteilen.
Schnell hat sie ihn bis auf die Knochen
nach Waidmanns Sitte aufgebrochen.

Voll Sorgfalt legt sie Glied auf Glied
(was der Gemahl bisher vermied)-,
behält ein Teil Filet zurück
als festtägliches Bratenstück
und packt zum Schluss, es geht auf vier
die Reste in Geschenkpapier.

Da tönt’s von fern wie Silberschellen,
im Dorfe hört man Hunde bellen.

Wer ist’s, der in so tiefer Nacht
im Schnee noch seine Runden macht ?

Knecht Ruprecht kommt mit goldenem Schlitten
auf einem Hirsch herangeritten !

„He, gute Frau, habt ihr noch Sachen,
die armen Menschen Freude machen ?“

Des Försters Haus ist tief verschneit,
doch seine Frau steht schon bereit:
„Die sechs Pakete, heil’ger Mann,
’s ist alles, was ich geben kann.“

Die Silberschellen klingen leise,
Knecht Ruprecht macht sich auf die Reise.

Im Förstershaus die Kerze brennt,
ein Sternlein blinkt – es ist Advent.


;):)
 
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  • #404
Nachdem das Fest so fein geraten,
Gibts nun zu Neujahr Jägerbraten.
 
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fleurdelis

  • #405
Festtagsbraten:

Ausgedehnte Mahlzeiten mit kurzen Unterbrechungen zum Betrachten des Baumes
bilden die Grundlage der standesgemäßen Weihnachtsfeier.
Das eintretende Völlegefühl ist ein Zeichen geglückter Verinnerlichung.

Loriot
 
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  • #406
FADENSONNEN
über der grauschwarzen Ödnis.
Ein baum-
hoher Gedanke
greift sich den Lichtton: es sind
noch Lieder zu singen jenseits
der Menschen.

Paul Celan (1965)
 
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  • #407
@Marlene
Vielen Dank für dein LIKE zum Parzifal.
Ich finde unsere wunderschöne uralte Literatur, die uns zusätzlich noch ein Bild über das Leben unserer Vorfahren vermittelt, wird in unserer schnelllebigen Zeit viel zu wenig beachtet.
 
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  • #408
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  • #409
@199MKt8gf
Kennst du Paul Celan?
Klingt ein wenig wie Marie Luise
 
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  • #410
Nicht gesagt

Was von der Sonne zu sagen gewesen wäre
Und vom Blitz nicht das einzige Richtige
Geschweige denn von der Liebe.
Versuche. Gesuche. Mißlungen
Ungenaue Beschreibung


Weggelassen das Morgenrot
Nicht gesprochen vom Sämann
Und nur am Rande vermerkt
Den Hahnenfuß und das Veilchen.


Euch nicht den Rücken gestärkt
Mit ewiger Seligkeit
Den Verfall nicht geleugnet
Und nicht die Verzweiflung


Den Teufel nicht an die Wand
Weil ich nicht an ihn glaube
Gott nicht gelobt
Aber wer bin ich daß

Marie Luise Kaschnitz
 
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  • #411
...hab ich gerade entdeckt.

 
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Flip ~ Flop

  • #412
Erfahrungen sind Gaben,

wie alles andere auch.

Schlechte Erfahrungen sind Gaben.

Nur was man wirklich annimmt,

hat man.

Ein Leiden, eine Gabe.

Und Leid, aus dem du lernst,

ein Schatz.

Und Leid, aus dem du lernst,

nicht mehr zu leiden,

das dich unverwundbar macht,

eine Kostbarkeit.

Und Leid, das dich lehrt,

andere nicht mehr zu verwunden,

eine Unschätzbarkeit.

- Brigitte Schwaiger -
 
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  • #413
(...)
Unter Dornenbogen
O mein Bruder klimmen wir blinde Zeiger gen Mitternacht.

Georg Trakl
 
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  • #414
@Marlene, kennst Du den Film (Tabu) über Georg Trakl? Lief gestern auf 3sat.
 
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  • #415
Kühler Frieden

Fetzen aus Dunst und Nebel
wabern über das abendliche Moor.
Jeder Schritt kann tödlich enden,
Gleich kalten Händen umgreift es
meine Beine.
Meine Rufe verhallen im Nichts
Es zieht mich tiefer,
meine Kraft erlahmt
es will mich
und jetzt will ich es auch
will nur noch eins mit ihm werden.
Weit weg von allen Menschen
endlich Ruhe
endlich Frieden.

ANONYMER TORFSTECHER
Ein Feldkreuz im Teufelsmoor
 
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  • #416
Kühler Frieden

Fetzen aus Dunst und Nebel
wabern über das abendliche Moor.
Jeder Schritt kann tödlich enden,
Gleich kalten Händen umgreift es
meine Beine.
Meine Rufe verhallen im Nichts
Es zieht mich tiefer,
meine Kraft erlahmt
es will mich
und jetzt will ich es auch
will nur noch eins mit ihm werden.
Weit weg von allen Menschen
endlich Ruhe
endlich Frieden.

ANONYMER TORFSTECHER
Ein Feldkreuz im Teufelsmoor
Brrrr, schüttel :eek: Das ist so Kategorie Erlkönig, ganz gruselig. Kunst, aber grusel grusel...
 
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  • #417
Der König Erl
Wer reitet so spät durch Wind und Nacht ?
Es ist der Vater. Es ist gleich acht.
Im Arm den Knaben er wohl hält,
er hält ihn warm, denn er ist erkält'.
Halb drei, halb fünf. Es wird schon hell.
Noch immer reitet der Vater schnell.
Erreicht den Hof mit Müh und Not ---
der Knabe lebt, das Pferd ist tot.

Heinz Erhardt
 
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  • #419
Hallo ihr alle,
ich bin neu im Forum.
Ich verarbeite meine Erfahrungen mit Haikus (auch wenn sie nicht "formal korrekt sind).

Marktplatz.
Öffnen der Seele.
Suche

Ein Traum,
ein Austausch von Gedanken.
Es passt nicht.

Spaziergang,
intensive Gespräche.
Am Ende Trauer

Schmetterlinge,
immer aufs Neue.
Sie fliegen davon.

Ein neuer Traum.
Kann es sein?
Spannung.

Ein freundlicher Gruß -
keine Antwort seit langem.
Wer ist dran?

Der erste Rausch
nicht mehr neu.
Die Mühen der Ebene.
 
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