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  • #691
Mit einer Stimme,
die nicht meine ist.
Nicht diese gewohnte,
Buchstabiere ich euch

Euch neues Alphabet.

Marie Luise Kaschnitz​
 
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  • #692
Ich lebte
I
Ich lebte in einer Zeit,
Die hob sich in Wellen
Kriegauf und kriegab,
Und das Janusgesicht
Stieß mit der Panzerfaust
Ihr die bebänderten Wiegen.

Der Tausendfüßler, das Volk,
Zog sein grünfleckiges Tarnzeug
An und aus,
Schrie, haut auf den Lukas,
Biß ins Sommergras
Und bettelte um Gnade.

Viel Güte genossen
Die Kinder,
Einigen schenkte man
Kostbares Spielzeug,
Raketen,
Andern erlaubte man,
Sich ihr eigenes Grab zu graben
Und sich hinfallen zu lassen tot
Zu den stinkenden
Schwestern und Brüdern.

Schwellkopf und Schwellbauch
Tafelten, wenn es bergauf ging,
Zander und Perlwein.
Die Erdrosselten saßen
Die Erschossenen mit am Tisch
Höflich unsichtbar.

Um den Himmel flogen
Selbständig rechnende
Geräte, zeichneten auf
Den Grad unsrer Fühllosigkeit
Den Bogen unsrer Verzweiflung.

In den Sperrstunden spielten
Abgehackte Hände Klavier
Lieblichen Mozart.

II
Und rasch war die Zeit, meine Zeit,
Wer von Pferden gezogen zur Welt kam,
Verließ sie im Raumschiff.
Wem Aladins Wunderlampe
Aufs Lesebuch schien,
Entziffert im Flutlicht
Den Vers seines Alters.

Solange ich denken kann,
Gingen Uhren immer zu schnell.
Türme wuchsen sich selbst
Über den Kopf,
Läufer überholten sich selbst
Auf der Aschenbahn.

Im Echo der Zwölfuhrkanone
Erblühte das Nachmittagsrot,
Am Abend wurde der Morgen ausgeschrieen
Und im Sommer die künstliche Weihnacht.

Schnell schoß der Same ins Kraut
Und die Knospe ins Schattenblatt,
Schnell reifte das Fruchtfleisch
Und der Wurm im Fruchtfleisch.

Mit Ruten peitschten wir
Die Jahre aus der Welt
Und traten voll Ungeduld
Unter die Erde die Toten.

Es wurde gebaut übernacht
Ein tausendfenstriges Haus
Am Hudson am Main
An den Ufern des Bosporus
Und ein Ding, es zu wandeln in Staub
Übernacht.

III
Freigebig war die Zeit, in der ich lebte,
Sie stieß ihren Kindern die Ohren voll
Mit Warnschrei und Gratismusik.
Überhäufte mit Brandschutt und Rosen
Ihnen die zitternde Netzhaut.

Sie gaben ihnen Hemden aus Nessel
Und Hemden aus Seide
Häuser aus Stein
Und Häuser aus Winterkälte
Stacheldrahtzäune
Und Sterne von Afrika.

Abgelaufen die eisernen Kinderschuhe,
Vergnügte sie sich, eine lüsterne Blaubärtin.
Paukte und blies uns ins Zimmer den Krönungszug,
Bettete uns aufs Kissen das Tränengesicht
und auf die Schwelle den Leichnam des toten Rebells.

Ihre Überallaugen erspähten uns,
Ihre Überallohren belauschten uns,
Ihre Überallhände griffen uns auf,

Wenn wir flohen kleinwinzig
Labyrinthischen Schrittes
Durch Farren und Moose
Wir entkamen ihr nicht.

IV
Und laut war die Zeit, meine Zeit,
Wenn sie hinfuhr ins Leere
Mit stampfenden Kolben
Und surrenden Rädern,
Rauschend lichtblitzend
Die gewaltige Herrin.

Brüllend formte die Träumerin
Aus rostroter Asche
Gebilde der Urwelt,
Aus nachtschwarzem Eisen
Gehege von Dornen.

Immer wollte sie mit der Sprache heraus,
Die verzerrte sich ihr im Munde
Überkam uns ein Zanken
Stymphalischer Vögel
Ein Gelächter von Geistern.

Wenn sie hinfuhr
Die stolze Schwangere
Ihres Weges und keiner wußte
Was ihr den Mantel hochstieß,
Ein Busch junger Rosen
Ein knochiges Totenkind -

V
Und doch in der meiner Zeit
Kamen Kinder aus Mütterleibern,
Schleimige Lurche noch immer,
Und wurden, auch die späteren Ungeheuer,
Mit Weihwasser begrüßt
Und Schrei der Freude.

Mund auf Mund gepreßt
Der Liebenden bäumte sich auf
Gegen die Einsamkeit,
Und ein altes Entzücken
Überströmte noch immer
Glitzernd das Steinfeld.

Angst zu sterben
Und Angst zu leben
Hielten sich die Waage noch immer.
Natur trug unbekümmert ihr altes Gewand
Herzzerreißende Schönheit.
Das Leben war noch immer ein Geheimnis,
Der Tod ein andres.

Marie Luise Kaschnitz
 
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  • #693
Der richtige Stolz
ist wie ein Stück holz
nimmt auf
gibt ab
arbeitende kreise kommen dazu
bleiben stocken
im niemals endendem Raum der Zeit
Zonen verzerren das Bild
das eigene S(child).............
 
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  • #694
Alles was die Welt uns schenkte,
Nimmt die Welt wenn wir vergehen,
Liebe nur bleibt ewig stehen,
Liebe ist kein Sterben kränket,
Liebe bricht durch Grab und Tod,
Liebe tritt mit uns vor Gott.

Andreas Gryphius
 
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  • #695
der andere garten


später
uns wieder
sehn und ansehn
wäre mehr als
begegnen im wunsch
blieben wir eins
was uns begleitet
bis wir gewachsen
sind bald
oder später wenn
wir uns wieder
treffen so leise
berge ich uns
im schatten
der träume


S.-K- Brodauf
 
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  • #696
fragmentarisch


zu kurz für
gewöhnlich zu lang
für galanterie
allein privatissima
bleibt man zurück
an den anfang
wünscht man
mirabilien und
bilderbuch überhaupt
diesen kitschroman
hätte man besser
erst gar nicht
begonnen



S.-K. Brodauf
 
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  • #697
misty moods


beethoven zaubert
eine vollreife orange
an den nachthimmel und du
stiehlst mir die tage
weg ohne das
ich etwas von dir hätte was
tröstet mich
die tatsache das
eine klärung der schuldfrage hier
völlig fehl
am platze wäre





S.-K. Brodauf
 
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  • #698
Der Mensch

der Mensch war eigentlich ganz klug,
und eigentlich doch klug genug
um einzusehen schmerzlich klar,
wie blöd er doch im Grunde war.

Unselig zwischen beiden Welten,
wo Weisheit und wo Klugheit gelten,
ließ seine Klugheit er verkümmern
und zählt nun glücklich zu den Dümmern.



Eugen Roth
 
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  • #699
Versäumter Augenblick

Ein Mensch, der beinah mit Gewalt
Auf ein sehr hübsches Mädchen prallt,
Ist ganz verwirrt; er stottert, stutzt
Und lässt den Glücksfall ungenutzt.
Was frommt der Geist, der aufgespart,
Löst ihn nicht Geistesgegenwart?
Der Mensch übt nachts sich noch im Bette,
Wie strahlend er gelächelt hätte.
Eugen Roth​
 
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  • #700
kleine zauberei in dur

einfach kunterbunt
und zarte fingerspitzen
schwarze wolken malten
rabentage
sprießt ein grün
wenn regen regnet
eileweile
mit dem traum im k(n)opfloch
weiße schnipsel
füllen morgengrauen
wenn es dämmert
werd ich fliegen






S.-K. Brodauf
 
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  • #701
Herr Afeu frug Herrn Befeu
wo bleibt denn nur Herr Cefeu?
Der liegt mit Fræulein Defeu
dahinten, hinterm Efeu

Heinz Erhardt
 
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  • #702
Komm ich ihr nachgegangen, so wird sie schelten eben;


Und legt sich mein Verlangen, wird sich ihr Zorn erheben.


Und wenn ich voll Verlangen einmal auf ihrem Wege,


Wie Staub zu Fuß ihr falle, wird sie wie Wind entschweben.
[2]


Wir üben Treu’ und wagen Tadel und sind fröhlich;


Denn Todsünd’ ist’s nach unserm Gesetz, bekümmert leben.


Du küsse nichts als Lippen des Liebchens und des Bechers;


Den Gleißnerhänden, Hafis, ist’s Sünde, Kuss zu geben.
 
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  • #703
Ausnahmsweise



Nur ausnahmsweise
gelingt ein Wort
ein Lächeln ein Schritt
Nur ausnahmsweise
fällt Regen im Wüstensand

Aber dann
ein Blumenteppich
so schön



Anne Steinwart
 
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  • #704
 
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  • #705
Unerschütterlich


Nicht im Alltag
das Feiern vergessen
Nicht in Krisen
das Lachen verlernen
Dem Frieden
nachlaufen
mitten in Kriegen

Der Knöterich wächst
und blüht schließlich
auch
unerschütterlich




A. Steinwart
 
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  • #706
Nicht gesagt
Was von der Sonne zu sagen gewesen wäre
Und vom Blitz nicht das einzig richtige
Geschweige denn von der Liebe.
Versuche. Gesuche. Mißlungen
Ungenaue Beschreibung
Weggelassen das Morgenrot
Nicht gesprochen vom Sämann
Und nur am Rande vermerkt
Den Hahnenfuß und das Veilchen.
Euch nicht den Rücken gestärkt
Mit ewiger Seligkeit
Den Verfall nicht geleugnet
Und nicht die Verzweiflung
Den Teufel nicht an die Wand
Weil ich nicht an ihn glaube
Gott nicht gelobt
Aber wer bin ich dass

Marie Luise Kaschnitz
 
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  • #707
@Bastille
Wie schön noch jemand der Kaschnitz mag
Je weniger ich ihre Gedichte verstehe, desto mehr liebe ich sie.
 
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  • #708
aber immer
wieder
seh ich dich an
will dir
ein kichernest bauen
ins gewölbe der sanften
luft verwilderte gärten
in deine seele
pflanzen heimliche
feuer mit dir teilen
weichgraue kiesel
sammeln auf endlosem
sand such ich winzig
ein blau
zwischen teer und tang
diesen treulos
gestrandeten spuren


s.-k- brodauf
 
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  • #709
Auf die Hände küßt die Achtung,
Freundschaft auf die offne Stirn,
Auf die Wange Wohlgefallen,
Sel'ge Liebe auf den Mund.

Aufs geschloßne Aug' die Sehnsucht,
In die hohle Hand Verlangen,
Arm und Nacken die Begierde;
Überall sonst die Raserei.


Franz Grillparzer
(1791 - 1872), Wiener Hofkonzipist und Burgtheaterdichter
 
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  • #710
Sommer

Im Sommer lebe ich
in den Zweigen der Trauerweide
und neige
mich der Erde zu.
Sacht schwingend in lauer Luft -
Duft
von Blumen und Gras.
In den Zweigen der Trauerweide
lebe ich ohne Zeit.
Des Nachts
schlafe ich ein mit dem Wind -
es sind die Weidensommer,
die mich leben lassen.



D. Heckt-Albrecht
 
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  • #711
zeit gelassen


zeit gelassen
mit lippen und händen
unsere körper
haut um haut
ein wenig
begriffen

landschaften
flüsterten wünsche
drängten behutsam
nach zeit

gelassen bilder
in die fingerspitzen
aufgesogen
mitgenommen
durch die tür
in den
morgen


anette müller
 
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  • #712
wie es wäre -
wie es ist


prinzipien saisonweise
aber heute beginnt
der ausverkauf der
gefühle sonderangebote
in der kunst
des liebens
greifen sie zu
wenn der sommer schliest
gehen wir
scherben lesen






S.-K. Brodauf
 
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  • #713
aufforderung zum geheimnis


horch
in die stille plötzlich
nach dem lärm vorsichtig
öffne die tür langsam
ertaste das grau
das lächeln zu erkennen
die nähe zu suchen jäh
sekundenewigkeit zu finden
auf dem blauen planeten
gegen nassen wind zu laufen
flüsterhaargeheimnis
zartem traum zu folgen












aus Nachthäute von S.-K.Brodauf
 
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  • #714
septembertraum


und dieser sommer hält
sekundenlang den atem an
schöpft zögernd kraft
aus sanften farben steigen
versponnen letzte träume
in die blaue luft vielleicht
zu jenen gärten der semiramis
wo magier und manche zauberengel
uns ihre alten gauklermärchen zeigen



S.-K- Brodauf
 
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  • #715
oktoberhimmel


oktoberhimmel
gleißend
am nachmittag
bäumt sich
sommer gegen winter
zeit steht
still umarmst
du mich bevor
du gehst



Anette Müller
 
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  • #716
Verblüht sind Dahlien und Ginster,
die Abende sind früher finster,
die Rechnung steigt für Gas und Licht,
der Tag nimmt ab - ich leider nicht.
 
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  • #717
Die Made

Hinter eines Baumes Rinde
wohnt die Made mit dem Kinde.

Sie ist Witwe, denn der Gatte,
den sie hatte, fiel vom Blatte.
Diente so auf diese Weise
einer Ameise als Speise.

Eines Morgens sprach die Made:
„Liebes Kind, ich sehe grade,
drüben gibt es frischen Kohl,
den ich hol. So leb denn wohl!

Halt, noch eins! Denk, was geschah,
geh nicht aus, denk an Papa!“
Also sprach sie und entwich. -
Made junior aber schlich
hinterdrein; und das war schlecht!
Denn schon kam ein bunter Specht
und verschlang die kleine fade
Made ohne Gnade. Schade!

Hinter eines Baumes Rinde
ruft die Made nach dem Kinde ...

- Heinz Erhardt -
 
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  • #718
Sie sagen, dass wir uns im Tode nicht vermissen
Und nicht begehren, dass wir hingegeben
Der Ewigkeit, mit anderen Sinnen leben
Und also nicht mehr von einander wissen,

Und Lust und Angst und Sehnsucht nicht verstehen,
Die zwischen uns ein Leben lang gebrannt,
Und so wie Fremde uns vorübergehen,
Gleichgültig Aug dem Auge, Hand der Hand.

Wie rührt mich schon das kleine Licht der Sphären,
Die wir ermessen können, eisig an,
Und treibt mich dir ans Herz in wilder Klage.

O halt uns Welt im süßen Licht der Tage,
Und lass so lang ein Leben währen kann
Die Liebe währen.

Marie Luise Kaschnitz
 
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  • #719
Marie Luise Kaschnitz bin ich im Herzen verbunden. Viele liebens- und verehrenswerte Frauen lerne ich leider erst nach ihrem Tod kennen.
 
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